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„Nicht nur über das Klima reden, sondern auch handeln!“

Dr. Christian Reisinger, Geschäftsführer der ConClimate GmbH im Gespräch mit Peter Blenke, Vorstand/CEO der Wackler Holding SE.

Herr Blenke, Sie haben sich in den letzten Jahren mit dem Klima und dem Klimawandel intensiv beschäftigt, sowohl privat als auch im Blick auf die Nachhaltigkeitsstrategie von Wackler. In Ihrem Buch „MENSCH MACHT KLIMA“ haben Sie das Wichtigste rund um die Themen Klimawandel und Klimaschutz zusammengefasst. Mitten in der Corona-Pandemie erleben wir nun eine der größten Unwetterkatastrophen in Deutschland seit dem zweiten Weltkrieg. 2021 wird daher als "Doppeltes Krisenjahr" in die Geschichte eingehen. Was können wir daraus für die Zukunft lernen?

Die Corona-Pandemie und die aktuelle Hochwasserkatastrophe haben eines gemeinsam: Es sind unmittelbare Krisen, die ein sofortiges und effektives Krisenmanagement erfordern – einmal auf globaler und einmal auf lokaler Ebene. Während der Corona-Pandemie haben wir viel darüber gelernt, wie man Krisen von globalem Ausmaß bewältigen kann. Die Hoffnung ist, dass wir als Weltgemeinschaft gestärkt daraus hervorgehen. Insgesamt macht jedoch sowohl die Pandemie als auch die tragische Unwetterkatastrophe deutlich, dass unsere moderne Lebensweise und unser komfortabler Lebensstandard nicht selbstverständlich sind, sondern von den Rahmenbedingungen abhängen, die uns unser Ökosystem bietet – also letztlich sehr fragil sind. Das sollten wir uns immer wieder vor Augen führen.

Nun gab es schon immer Unwetter und Hochwasser in Deutschland – wir alle erinnern uns noch an die Oder-Flut 2002. Ein Blick in die Wetterstatistik zeigt, dass es durch die ganze Menschheits­ge­schichte hinweg immer wieder verheerende Unwetter gab. Was entgegnen Sie Klima-Skeptikern, die auch die aktuellen Entwicklungen lediglich für natürliche ­­– d. h. nicht durch den Klimawandel verursachte – Wetterereignisse halten?

Ich bin weder Meteorologe noch Klimaforscher, aber ich habe mich, wie Sie schon sagten, sehr mit dem Thema beschäftigt und die Signale sind klar: Die Natur zeigt die Folgen unseres Handels bzw. Nichthandelns. Klar kann man sagen, Überflutungen gab es schon immer, aber in der Folge und Intensität wie aktuell sicher nicht. Die Gründe hierfür sind vielseitig. Zum einen kann erwärmte Luft mehr Wasserdampf aufnehmen, was die Heftigkeit und Dauer der Regenfälle unter anderem begründen kann. Zum anderen stehen die Wetterlagen über einen längeren Zeitraum am gleichen Ort und ziehen nicht weiter, ob nun extreme Hitze, wie beispielsweise Anfang Juli in Kanada mit fast 50 Grad Celsius oder die Unwetter in Deutschland. Experten gehen davon aus, dass der für das Weitertreiben dieser Wetterlagen verantwortliche, sogenannte „Jetstream“ – ein Starkwindband in etwa zehn Kilometern Höhe – bedingt durch den Klimawandel langsamer geworden ist und ins Stocken gerät. Auch der Golfstrom, der sich laut Forschern verlangsamt hat, könnte die Entwicklung extremer Wetterereignisse begünstigen. Bei uns ist nun das eingetreten, was wir bislang nur aus dem Fernsehen aus anderen Ländern kannten. Wir haben uns sicher gefühlt in unserer gemäßigten Klima-Komfort-Zone. Aber ich glaube, wir werden uns leider mit dem Gedanken „anfreunden“ müssen, solche außerordentlichen Wettererscheinungen nun häufiger zu erleben. Sie können insbesondere im Sommer zu Extremen führen: also Hitzewellen, Dürren, besonders starken Niederschlägen und Unwetter und mit dem Klimawandel werden die Winter in Deutschland nachweislich wärmer und die Schnee- und Frosttage gehen zurück. Und auf diese Veränderungen müssen wir uns vorbereiten.

 

Sie sprechen damit den in den Medien in letzter Zeit immer häufiger diskutierten Punkt der Klimaresilienz an?

Ja. Resilienz meint ja erst einmal die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beein­trächtigung zu überstehen. Im Blick auf das Klima heißt das: Welche Maßnahmen setzen Länder und Kommunen ein, um langfristig die Folgen des Klimawandels – sagen wir mal – gut zu überstehen und um eine nachhaltige gesellschaftliche Entwicklung sicherzustellen. Die regional unterschiedlich aus­ge­prägten Auswirkungen des Klimawandels umfassen z. B. Schäden an Infrastrukturen durch Extrem­wetterereignisse, Einschränkungen in der Lebensqualität aufgrund von Hitzewellen, die Beeinträchti­gung von Ökosystemen und veränderte Bedingungen für verschiedene Wirtschaftsbereiche. Zu den Handlungsfeldern zählen hier sicher die Wasserwirtschaft, Hochwasser­schutz, Katastrophenschutz, Stadtentwicklung und Umland, Infra- und Siedlungsstrukturen, Wald- und Forstwirtschaft usw. Es kommt aber auch der menschliche Aspekt hinzu: Wir müssen uns emotional wie körperlich daran gewöhnen, dass uns in Deutschland die Natur auch treffen kann und zukünftig sicher häufiger treffen wird. Starkregen mit vollgelaufenen Kellern oder die zunehmend als unerträglich empfundene Hitze, gerade in verdichte­ten Innenstädten, werden zur neuen Normalität werden.

 

Haben Sie Hoffnung, dass Naturkatastrophen die Menschen endlich begreifen lassen werden, jetzt gegen die Folgen des Klimawandels einzugreifen?

Bereits 1972 wurde auf das Thema Nachhaltigkeit und die Grenzen des Wachstums in dem gleich­namigen Buch und Bestseller des CLUB OF ROME hingewiesen. Ich bin vor kurzem durch Zufall auf einen alten Tagesschau-Bericht aus dem Jahr 1995 gestoßen, in dem Wissenschaftler warnten, dass spätestens in 25 Jahren – sprich heute – eine Umkehr der Folgen des Klimawandels kaum mehr möglich sein wird. Man wusste das ja alles. Bereits 1992 haben sich die Staaten zum globalen Klimaschutz unter der UN-Klimarahmenkonvention in New York City vereint. Fünf Jahre später einigte man sich im Kyoto-Protokoll auf völkerrecht­lich verbindliche Zielwerte für den Treibhausgas-Ausstoß. Aber passiert ist so gut wie nichts. Wir, die Politiker, die Gesellschaft – und das meine ich weltweit – haben die Hinweise nicht ernst genommen, vielleicht, weil die Folgen des Klimawandels damals noch nicht zu spüren waren. Oft wird grün geredet und konventionell gehandelt. Die schrecklichen Ereignisse in diesem Monat haben viele von uns aufgeweckt. Vielleicht hat es gefruchtet und es beginnt das Umdenken. Nicht nur in der Politik und Wirtschaft, vor allem bei jedem von uns. Natürlich stellt die Corona-Pandemie die Staatshaus­halte weltweit kurzfristig vor enorme Herausforderungen. Langfristig sind die Beträge, die zur Bekämpfung der Pandemie notwendig sind, jedoch verschwindend gering im Vergleich zu den Kosten, die auf uns zukommen, wenn wir den Klimawandel nicht effektiv eindämmen können. Es bleibt zu hoffen, dass die Politiker sich dies nicht nur für den Wahlkampf auf die Fahnen schreiben, sondern dass die nächste Bundesregierung das historische Ausmaß der Klimakrise erkennt und bereit ist, das Ruder auch wirklich herumzureißen. Erfreulich ist aktuell die Umweltpolitik in Bayern, der Freistaat soll bis 2040 klimaneutral werden und über den Kohleausstieg bis 2030 wird nachgedacht.

 

Können wir dann doch positiv in die Zukunft blicken?

Ich kenne Menschen, die sich seit 40 Jahren für mehr Nachhaltigkeit einsetzen und immer wieder erleben müssen, dass dieses Thema vertagt wird. Diese unermüdliche Einsatzbereitschaft bewun­dere ich, denn auch ich habe lange nicht zugehört, bis ich mich mit dem Thema auseinandergesetzt habe. Und nun versuche ich, nicht nur durch unsere Umwelt- und Klimapolitik im Unternehmen, sondern auch privat immer nachhaltiger zu handeln. Auf Ökostrom umzustellen, ist beispielsweise schon einmal ein erster und einfacher Schritt, den jeder umsetzen kann. Und es muss auch nicht jeden Tag Fleisch auf den Teller, der Einkauf regionaler Bioprodukte macht Sinn und generell sollte man mal sein Konsumverhalten überdenken. Von der jungen Generation können wir dabei  lernen. Bei vielen heute Zwanzig- bis Dreißigjährigen spielen beispielsweise Statussymbole eine deutlich geringere Rolle und neue Konsumformen, wie Tauschmodelle für Kleidung oder die „Sharing Economy“, ermöglichen einen guten Lebensstandard, der trotzdem verantwortungsvoll und nachhaltig ist. Insgesamt muss das Wissen über nachhaltige Verhaltensweisen in der Breite der Bevölkerung meiner Meinung nach noch deutlich zunehmen. Aus diesem Grund haben wir uns auch entschieden, unseren Mitarbeiter:innen über Schulungen die Themen Nachhaltigkeit und Klima­schutz systema­tisch näherzubringen und viele von ihnen von der Green-Clean-Reinigungsfachkraft bis zum „Fachwirt CSR & Klimaschutz“ weiterbilden lassen. Vor diesem Hintergrund sollte meiner Meinung nach Nachhaltigkeit in der Schule als Pflichtfach eingeführt werden.

Mit der Änderung des Klimaschutzgesetzes dieses Jahr verschärft die Bundesregierung die Klima­schutzvorgaben und verankert das Ziel der Treibhausgasneutralität bis 2045. Bereits bis 2030 sollen die Emissionen um 65 Prozent gegenüber 1990 sinken. Wo sehen Sie die dringlichsten Aufgaben?

Grundsätzlich sollten in Deutschland schnellstmöglich die Kohlekraftwerke abgestellt und vor allem umweltschädliche Subventionen in Milliardenhöhe, wie z. B. in Braun- und Steinkohle, abgeschafft werden. Ganz wichtig: der Ausbau erneuerbarer Energiequellen. Gut, dann stehen vielleicht Windräder in der Landschaft, aber Strommasten sind auch nicht schön, jedoch hat man sich daran gewöhnt. Und es steckt noch so viel Potenzial in der dezentralen Energieerzeugung, deren Ausbau durch Vorgaben, Subventionierungen und wirtschaftliche Anreize viel stärker gefördert werden muss. Beispielsweise sollte Photovoltaik für Neubauten verpflichtend sein. Langfristig bedeutet das, lokal erzeugte, kostenlose Energie statt Abhängigkeit von Öl und Gas, das wir erst teuer importieren müssen. Das Bahn-Streckennetz und die regionalen Anbindungen sollten verbessert werden. Eine deutlich bessere Infrastruktur für Elektro-Autos – sprich die Verfügbarkeit des Stroms – sollte dringend sichergestellt werden. Wir bei Wackler haben mittlerweile 30 Stromtankstellen in unseren beiden Firmenzentralen und prüfen gerade verschiedene Konzepte, wie wir auch für unsere anderen bundes­weit 35 Niederlassungen eine effektive Infrastruktur für die Elektromobilität aufbauen können. Allerdings gibt es noch verschiedene Hürden zu überwinden. Umso wichtiger ist es, dass die Politik hier in die Gänge kommt, denn die Nachfrage nach E-Autos wächst und die Automobilin­dus­trie stellt um. Im Juni 2021 hatten reine Elektrofahrzeuge bereits einen Marktanteil von ca. 12 Prozent in Deutschland – Tendenz steigend. Es gibt so viel, was man tun könnte. Es sollte nur damit angefangen werden – und zwar jetzt.

 

Deutschland ist ja weltweit nur für 2 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Was antworten Sie Menschen, die sagen: „Was können wir schon tun, Klimawandel ist ein globales Problem. Wir in Deutschland haben ja schon viel getan, jetzt sind erst mal die anderen dran.“

Die menschlichen Aktivitäten haben seit Beginn der Industrialisierung in starkem Maße zu einem Anstieg der Treibhausgaskonzentrationen in der Atmosphäre geführt. Wichtigste Ursache ist die Verbrennung fossiler Brennstoffe, wie Öl, Kohle und Gas, bei der unvermeidbar Kohlendioxid freigesetzt wird. Und verantwortlich dafür sind fast ausschließlich die Industrieländer und nicht die Entwicklungs- und Schwellenländer.

Gerade meine Generation hat mit dem Bewusstsein, dass Wachstum keine Grenzen kennt, damit angefangen, die Umwelt und das Klima zu zerstören, dann sollten wir auch die ersten sein, die sich dafür einsetzen, die Folgen des Klimawandels zu begrenzen. Jedes Land hätte ein Argument zu behaupten „erst die, dann wir“. Aber das ist keine Lösung. Klima ist ein globales Problem, das nur global gelöst werden kann. Und jeder kleine Teil trägt dazu bei, die Situation zu verbessern. Und vergessen Sie nicht, wir Deutschen sind zwar für zwei Prozent der globalen Emissionen verant­wort­lich, stellen aber nur ein Prozent der Weltbevölkerung dar. Mit unseren Pro-Kopf-Emissionen liegen wir mit fast 9 Tonnen CO2 weiter deutlich vor den weltweit durchschnittlichen Pro-Kopf-Emissionen von 4,8 Tonnen.

 

Nun hat sich China in den letzten Jahren zum weltgrößten Emittenten von Treibhausgasen entwickelt. Seit 1990 haben sich die Emissionen Chinas fast verfünffacht, während die Emissionen in Deutschland im gleichen Zeitraum um 40 Prozent gesunken sind. China stößt heute in etwa so viele Treibhausgase aus, wie alle Industriestaaten zusammen. Haben wir vor diesem Hintergrund noch eine Chance, die Folgen des Klimawandels global in den Griff zu bekommen?

Das stimmt, die Emissionen Chinas sind enorm gestiegen und werden noch weiter steigen. Nur dürfen wir eines nicht übersehen, 1,4 Milliarden Chinesen möchten unseren Wohlstand nachholen und wer produziert denn unsere „immer mehr, immer günstigere“ Kleidung und Produkte? China! Das heißt, wir kurbeln mit unserem Konsumverhalten die Produktion und damit den CO2-Ausstoß an und tragen somit zu den immensen Emissionszahlen Chinas bei. Genauso wie wir unseren Plastikmüll einfach in die Entwicklungsländer entsorgen. Im Auslagern sind wir gut. Und im Blick auf Amerika: Durch den Präsidentenwechsel hat sich viel getan. Amerika ist wieder Teil des wichtigen Pariser Abkommens, des sogenannten Weltklimavertrages von 2016 und es wird sich sicher auch in Zukunft wieder sehr viel mehr tun. Die großen Nationen wie Indien und Russland setzen zwar immer noch stark auf fossile Energie. Wir sollten hier aber nicht vorschnell urteilen, sondern uns lieber an die eigene Nase fassen.

 

2019 hatten Sie die Idee zur Gründung der ConClimate als neues Tochterunternehmen der Wackler Group. Was würden Sie Unternehmen raten, die heute anfangen, sich mit dem Thema auseinan­der­zusetzen?

Im Grunde all das, was wir auch als Privatperson tun. Schauen, wie sieht meine Ökobilanz aus, wo kann ich CO2 einsparen, wo vermeiden, wie kompensieren. D. h. zunächst sollten sich Unternehmen einen Überblick über die eigenen Emissionen und Emissionstreiber verschaffen. Erst dann kann man zielgerichtet Maßnahmen ergreifen und den Effekt von Maßnahmen wirklich verstehen. Beispiels­weise liegen gerade in der Lieferkette bei vielen Unternehmen große Hebel in der CO2-Reduktion, die zusätzlich zu eigenen Maßnahmen, wie einer energetischen Sanierung der Gebäude, in Angriff genommen werden können. Darauf aufbauend kann man dann eine gezielte Reduktionsstrategie mit kurz- und mittelfristigen Klimazielen verabschieden.

Bei Wackler stellen wir aber gerade auch fest, dass die Komplexität des Themenbereichs Nachhal­tigkeit und Klimaschutz von Jahr zu Jahr zunimmt. Jedes Unternehmen sollte daher heute damit anfangen, ein digitales Nachhaltigkeitsmanagement aufzubauen, in dem alle relevanten Daten zentral zusammenlaufen und dann bedarfsbezogen und nach einheitlichen Kriterien ausgewertet werden können. Die Zeiten, in denen man das Thema Nachhaltigkeit noch mit ein paar Excel-Listen bedienen konnte, sind definitiv vorbei. Auch deswegen haben wir die ConClimate gegründet: Um unseren Kunden durch eine Kombination aus Beratung und moderner Software ein interessantes ergänzendes Leistungsangebot im Bereich digitaler Nachhaltigkeit machen zu können, bis hin zu einer CSR-Strategie. Aber allen voran sollten Unternehmen erkennen, dass in der Nachhaltigkeit, im Umwelt- und Klimaschutz enormes Wachstumspotenzial herrscht. Wer heute recht­zeitig die Weichen stellt, hat in der Zukunft auch wirtschaftlich die Nase vorn.

Herr Blenke, vielen Dank für dieses Gespräch.

Hören Sie doch auch gleich in den spannenden Podcast MENSCH.MACHT.KLIMA. rein. Hier treffen Peter Blenke und Dr. Christian Reisinger auf Menschen, die sich mit Klimaschutz und Nachhaltigkeit auskennen, die Hindernisse und potenzielle Möglichkeiten auf und für diesen Weg kennen, die konkrete Vorschläge für diesen Prozess haben.

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