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BILD-Interview mit Mojib Latif über den Klimawandel und die Folgen

Ein Auszug aus dem BILD-Interview, veröffentlicht am 09.04.2019:

Die meisten haben den sehr warmen Sommer 2018 noch im Gedächtnis, dazu schmelzende Polkappen, zahlreiche Stürme und andere Wetterextreme. Der Klimawandel zeigt Folgen. BILD am SONNTAG fragte Klimaforscher Mojib Latif, wie man den Prozess noch aufhalten kann.

BILD am SONNTAG: Herr Professor Latif, haben wir beim Klima schon 5 vor 12?

Mojib Latif: „Eigentlich ist es schon nach 12. Wir spüren den Klimawandel bereits deutlich. Denken Sie an den extremen Sommer 2018. Auch die Wirtschaft war betroffen. Die niedrigen Flusspegel haben Transporte behindert und Treibstoffe verteuert, Atomkraftwerke konnten wegen des knappen Kühlwassers nicht mehr richtig laufen, die Trockenheit verursachte Ernteausfälle. Weltweit liegt die Durchschnittstemperatur um ein Grad höher als in vorindustrieller Zeit um das Jahr 1850. In Deutschland um fast 1,5 Grad.“

Latif: „Stellen Sie sich vor, dass es auf dem Höhepunkt der letzten Eiszeit vor circa 20.000 Jahren global nur fünf Grad kälter war als 1850. Ganze fünf Grad liegen zwischen einem zu großen Teilen vereisten Europa und dem Europa wie wir es aus den vergangenen Jahrhunderten kennen. Jetzt ist es aber schon ein Grad wärmer als 1850 und bis zum Ende unseres Jahrhunderts könnten noch mal drei, vier Grad hinzukommen.“

Es wäre dann fünf Grad wärmer als 1850 – was wäre das für eine Welt?

Latif: „Man könnte sie Superheißzeit nennen. Die Wahrheit ist: Noch kein Mensch hat so etwas je erlebt. Eine neue Studie hat das Klima der vergangenen drei Millionen Jahre modelliert, also des Zeitraums, in dem sich der Mensch entwickelt hat. Nie lag der Wert um mehr als zwei Grad über dem von 1850. Das heißt: Mehr als zwei Grad plus sind völliges Neuland für uns. Im Alltag versuchen wir jedes unbekannte, kleine Risiko zu minimieren, schließen Versicherungen gegen alles mögliche ab. Aber unsere Kinder und deren Kinder schicken wir in eine Zukunft mit ungeklärtem Megarisiko. Das ist unverantwortlich.“

Warum nehmen viele den Klimawandel trotzdem noch nicht ernst?

Latif: „Ich glaube, weil wir die Bedrohung nicht sehen. Das Treib­hausgas CO2, das den Klimawandel wesentlich verursacht, ist unsichtbar und man riecht es nicht. Würde es den Himmel braun färben, hätten wir längst reagiert. In den 70ern musste uns erst Smog die Sicht und den Atem nehmen, damit wir gegen Luftverschmutzung aktiv wurden. In den 80er-Jahren war es das Waldsterben, das uns dazu gebracht hat, Abgase, die sauren Regen verursachen, zu verringern. Vielleicht war der Sommer 2018 das einschneidende Ereignis, das die Menschen aufgeweckt hat. Jetzt wächst der Druck der Bürger, wie die Schüler-Demos und das Volksbegehren in Bayern zeigen. Klar ist aber: Beim Klima kann kein Land das Problem allein lösen.“

Deshalb haben sich ­viele Nationen auf das Pariser Klima­abkommen geeinigt. Es soll die Erderwärmung auf 1,5 Grad beziehungsweise deutlich unter 2 Grad begrenzen. Warum diese Werte?

Latif: „Wissenschaftler befürchten, dass einige Prozesse nicht mehr zu stoppen sind, wenn diese Grenzwerte überschritten werden. Vermutlich schmilzt dann der Eispanzer Grönlands ab, mit einem Anstieg der Meeresspiegel um sieben Meter, und die Dauerfrostböden Sibiriens tauen auf und setzen Methangase frei. Bei welcher Erwärmung genau das passiert, wissen wir nicht. Aber möchten wir das wirklich herausfinden? Wir sollten das Experiment abbrechen, bevor es zu spät ist.“

Können wir denn noch handeln?

Latif: „Ja, ich bin optimistisch. Viele technologische Umbrüche sind rasch passiert, denken
Sie daran, wie schnell das Smartphone das alte Mobil­telefon ersetzt hat. Wir können ressourcenschonend leben und unsere Energieversorgung umbauen. Aber nur, wenn wir die Herausforderung nicht mehr ignorieren.“

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